„Das Pre-Camp und die EM haben mir die Distanz zu den Top-Sprintern genommen“

27.08.2026 | Im Interview spricht Jan-Eric Frehe über seinen Erfahrungen bei der EM in Birmingham und ordnet das Erlebte in seine Karriere-Entwicklung ein.

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Drei starke DM-Rennen bescherten Jan-Eric Frehe die EM-Nominierung. Die Top-Stars um Owen Ansah sind jetzt greifbar. © Nic Scott

Jan-Eric Frehe war bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Birmingham Teil der deutschen 4×100 m-Staffel. Die erste Nominierung und das erste Erleben eines internationalen Großereignisses bei den Aktiven wirken nach – und eröffnet dem 23-Jährigen beim Blick nach vorne weitere Perspektiven. Kurzfristig wird er am kommenden Sonntag (30.08.) beim ISTAF im Berliner Olympiastadion am Start sein.

Im Interview lässt der Top-Sprinter der LG Brillux Münster die EM 2026 Revue passieren, spricht über neues Selbstbewusstsein und richtet den Blick nach vorne.

Jan-Eric, du warst bei den Europameisterschaften in Birmingham Teil der deutschen 4×100 m-Staffel. Nach der U23-EM im Vorjahr hast du damit deine erste Erwachsenen-EM erlebt. Welchen Stellenwert hat Birmingham 2026 in deiner bisherigen Karriere?

Jan-Eric Frehe: Die EM hat für mich persönlich einen extrem hohen Stellenwert, alleine die Erfahrungen sind absolut Gold wert, selbst wenn ich am Ende nicht zum Einsatz kam. Zuvor wirkte der Sprung in den Aktivenbereich für mich noch recht „groß“, ich habe ehrlicherweise nicht damit gerechnet in diesem Jahr schon wieder bei einem internationalen Großereignis dabei zu sein. Jetzt wurde mir die Hürde den Anschluss zur absoluten nationalen Spitze zu finden, früher als gedacht genommen. Auch das erste Mal im Finale bei der DM zu stehen, und es nicht knapp als 9. zu verpassen, wird mir dabei helfen.

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Eindrücke unterbewusst eine noch größere Rolle spielen, als ich es aktuell vermute. Immerhin kann ich bei jeder weiteren internationalen Meisterschaft nun sagen, dass es schon meine zweite im Aktivenbereich ist, und dass ich bis zum CallRoom alles miterlebt und mitgemacht habe – das Feeling prägt sich natürlich ein.

„Besonders eingeprägt haben sich die Begegnungen mit internationalen Top-Stars wie Marcell Jacobs oder Gianmarco Tamberi. Zu sehen, dass sie auch greifbar sind und total normal drauf, das prägt sich ein.“ (Jan-Eric Frehe)

Du sprichst vom Feeling, das bei einer großen interanationalen Meisterschaft ein ganz besonderes ist. Welche Eindrücke und Erlebnisse aus den Tagen von Birmingham bleiben dir davon abgesehen in Erinnerung?

Jan-Eric Frehe: Besonders eingeprägt haben sich die Begegnungen mit internationalen Top-Stars im Hotel, zum Beispiel mit Marcell Jacobs oder Gianmarco Tamberi – das waren Namen, die einfach nochmal ein Regal weiter oben sind, und zu sehen, dass sie auch greifbar sind und total normal drauf, das prägt sich auch ein.

Cool war noch, mit dem holländischen Sprinter Elvis Afrifa [Anm. EM-Platz 4 in 10,06 s, unmittelbar hinter Owen Ansah] im Shuttle eine lustige Konversation zu haben, die darin geendet ist, dass wir auch nach der EM noch in Kontakt sind. Er wäre nicht abgeneigt gemeinsam zu trainieren – das würde mir natürlich enorm weiterhelfen, selbst wenn es nur sporadisch wäre. Wir haben festgestellt, dass die Distanz zwischen meinem Heimatort Ibbenbüren und seinem Trainingsstandort in den Niederlanden nicht allzu groß ist.

Ansonsten erinnere ich natürlich die Atmosphäre im Stadion, auf dem Aufwärmplatz – und dass die Leute, die man gerade noch im Zelt gesehen hat, auf einmal im Stadion standen und Medaillengewinner wurden.

2025 hast du sehr erfolgreich an der U23-EM in Bergen teilgenommen. Du bist ins Einzel-Halbfinale eingezogen und hast zusammen mit Heiko Gussmann, Benedikt Wallstein und Maurice Grahl Staffel-Silber geholt. Wie groß war jetzt der Sprung in die internationale Aktiven-Spitze? 

Jan-Eric Frehe: Die Abläufe haben sich recht ähnlich angefühlt wie in Bergen, auch das Gefühl auf dem Aufwärmplatz oder die empfundene Anspannung waren vergleichbar.

Was ich eher wahrgenommen habe und auch fürs Training mitnehme, ist die Bestätigung, dass das Niveau wirklich hoch und auch eng beieinander ist. Es zählen Hundertstel, die Uhr wartet nicht auf einen – genauso wenig die Gegner. Mir ist nochmal bewusster geworden, dass andere natürlich auch sehr hungrig nach diesen Zeiten und Erfolgen sind, und Feinheiten den Unterschied machen können.

Im Jugendbereich kann man sich vielleicht noch etwas mehr noch darauf ausruhen talentiert zu sein oder eben von der Alters-Limitierung zu profitieren. Bei den Großen geht‘s aber „um die Wurst“ und dementsprechend muss man noch ein gewisses % mehr bereit sein, wenn der Startschuss fällt und noch weniger Fehler werden verziehen. Andererseits habe ich folgendes realisiert: Nach einem Jahr, in dem ich konstant 10,2x-Zeiten anbieten konnte, fehlen zu den Spitzen-Zeiten im 10,1er-Bereich wirklich nur Nuancen.“

„Ich habe folgendes realisiert: Nach einem Jahr, in dem ich konstant 10,2x-Zeiten anbieten konnte, fehlen zu den Spitzen-Zeiten im 10,1er-Bereich wirklich nur Nuancen.“ (Jan-Eric Frehe)

Abgesehen von der EM selbst: Du hast die komplette Vorbereitung mit den anderen deutschen Staffelläufern absolviert. Was kannst du vom Pre-Camp und insgesamt von den letzten Wochen für die weiteren Entwicklung deiner Individual-Performance mitnehmen?

Jan-Eric Frehe: Das ist für mich der größte Punkt. Ich habe im positiven Sinne weniger Respekt vor den anderen Sprintern. Wenn du die Top-Namen sonst nur von den hoch besetzten Wettkämpfen kennst, aber nie richtig außerhalb vom Wettkampf kennengelernt hast, hat man einfach noch einen Funken mehr „Ehrfurcht“ und ist vorsichtiger mit Ambitionen, so jemanden zu schlagen. Ich habe in dieser Hinsicht gemerkt, wie das Pre-Camp und die EM mir da diese gewisse Distanz genommen haben, und ich jetzt deutlich optimistischer auf Rennen in der nationalen Konkurrenz blicken würde.

Zudem ist mir nochmal klar geworden, dass ich im Endeffekt auch nur 4 Hunderstel von der Bestätigungsnorm bzw. 9 Hunderstel von der Direktnorm zur EM entfernt war. Ich habe realisiert, dass ich die geforderten Zeiten jetzt für durchaus realistischer halte und mich nicht kleiner mache als ich es bin, oder eben in dieser Saison war.

„Ich habe jetzt im positiven Sinne weniger Respekt vor den anderen Sprintern. Das Pre-Cmamp und die EM haben mir die „Ehrfurcht“, diese gewisse Distanz genommen.“ (Jan-Eric Frehe)

Die EM-Nominierung durch den DLV war die Belohnung für eine bemerkenswerte Steigerung im Verlauf der Saison, die dich zur egalisierten PB (10,24 s) und ins DM-Finale führte. Wie ist es dir gelungen, nach einer mental herausfordernden Vorjahres-Saison dein Top-Niveau wieder abzurufen?

Jan-Eric Frehe: Indem ich mich auf meine individuelle Entwicklung und auf technische Details fokussiert habe. Zudem habe ich mehr auf meinen Körper gehört, viel mehr selbstständige Einheiten zuhause eingebaut – um eben dann, wenn wir scharfe Einheiten haben, voll da zu sein und die Qualität der Trainingsreize zu erhöhen. Ich denke, ich habe eben mehr so trainiert, wie ein Kurzsprinter es braucht.

Dass ich es in mir habe, hatten die Werte aus der Halle schon gezeigt. Vielleicht war ich in der Halle teilweise einfach nicht frisch genug, als es zählte, oder habe mir aufgrund der kürzeren Strecke zu viel Druck gemacht. Im weiteren Verlauf haben mir dann auch eine Mischung aus guter Abstimmung mit Lars und eine gewisse emotionale Distanz zum Endresultat geholfen – denn ich wusste nach dem vierwöchigen Block Alternativtraining im März nicht wirklich, was ich von der Freiluftsaison erwarten kann.

Zum Abschluss der letztlich großartigen Saison wurdest du zum ISTAF eingeladen, das für Weltklasse im Berliner Olympiastadion steht. Du wirst dort sowohl die 4×100 m-Mixed-Staffel und den 100 m-Einlagelauf absolvieren. Was gibt dein Tank noch her?

Jan-Eric Frehe: Ich freue mich sehr auf das ISTAF und über die Einladung. Auch das trägt zu wichtigen Erfahrungen bei, die man sich einfach nicht „erkaufen“ kann. Anders als zum Ende der Freiluftsaison 2025 habe ich noch eine gewisse intrinsische Motivation und bin mental nicht so ausgelaugt – vielleicht auch, weil wir uns in der Saison die entscheidenden Pausen auch genommen haben.

Zuletzt stimmten die Trainingswerte auf jeden Fall – andernfalls hätte ich mich auch gegen einen Einzelstart entschieden. Von daher: Ich fühle mich gut, und denke, ich kann die Saison nochmal gut abschließen.

„Ich lese die Auswertungen und merke, dass in gewissen Rennbereichen noch bis zu eine Zehntel liegen. Das motiviert mich, zusammen mit Lars Stück für Stück daran zu schrauben.“ (Tabea Christ)

Du bist 23 Jahre alt. Im deutschen EM-Staffel-Pool warst du hinter Heiko Gussmann der jüngste Sprinter. Welche Ambitionen hast du beim Ausblick auf die nächsten Jahre?

Jan-Eric Frehe: Das ist mir auch aufgefallen. Ich denke in erster Linie daran, diese neu gewonnene tiefe Überzeugung von „Eigentlich kann ich das auch“ zu nutzen, und mich in eben diese Leistungsbereiche zu entwickeln, die über kurz oder lang auch weitere internationale Starts ermöglichen. Mir ist dabei aber wichtig, weiterhin überwiegend auf mich selbst zu schauen. Auch durch viel Reflektion weiß ich, woran ich zu arbeiten habe, lese mir Auswertungen im Detail durch und merke, dass in gewissen Rennbereichen noch teilweise bis zu eine Zehntel liegen. Das motiviert mich, Stück für Stück daran zu schrauben, und spezifiziert mit Lars daran zu arbeiten.