Pia Schlattmann im Interview: „Ich habe an der Langstrecke Gefallen gefunden“
26.11.2025 | Im Interview lässt Pia Schlattmann ihre erfolgreiche Bahn-Saison 2025 Revue passieren und ordnet die Bausteine ihrer Entwicklung ein. Sie spricht über kurzfristige Ziele (Cross-DM) und langfristige Projekte (LA 2028).
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Pia Schlattmann im 5000 m-Feld der Studierenden-WM. Sie begeistert mit Platz 5 in 15:40,19 min. © www.imago-images.de
Die Bahn-Saison 2025 war die bisher erfolgreichste in deiner Karriere. Du bist Fünfte bei der U23-EM in Bergen und Fünfte bei den World University Games geworden. Hattest du vor der Saison mit diesen internationalen Erfolgen geliebäugelt?
Pia Schlattmann: Ziel war zunächst die Qualifikation für die U23-EM und die World University Games. Ich habe erst dieses Jahr den Wechsel von der Mittel- auf die Langstrecke gewagt. Dadurch wussten wir nicht genau in welche Richtung sich das entwickeln kann.
Die sehr gute Vorbereitung im Höhentrainingslager im März und die ersten Einstiegsrennen auf der Straße und auf der Bahn im April haben mir die Hoffnung auf das Erreichen der Quali-Normen gegeben. Bei der Langstrecken-DM Anfang Mai in Hamburg konnte ich dann schon die 10.000m Norm abhaken und Ende Mai folgte dann auch die Norm über 5.000m in Karlsruhe. Trotzdem war es noch bis zu den Deutschen U23-Meisterschaften unsicher, ob und vor allem auf welcher Strecke ich mit nach Bergen reisen darf. Wir haben viele leistungsstarke U23-Langstreckenläuferinnen, die eine bzw. auch beide Normen erfüllt hatten.
„Schlüssel war denke ich eine gute Trainingsplanung sowie die dazugehörige Konstanz. Ich war in den letzten beiden Jahren nie verletzt oder krank und hatte somit eigentlich kaum Trainingsausfall.“ (Pia Schlattmann)
Dementsprechend habe ich zunächst auf eine Teilnahme hingearbeitet. Erst nach erfolgreicher Nominierung für die 5000m konnte ich mir Gedanken über die Positionierung bei der U23-EM machen. Ich bin eine Meisterschaftsläuferin und wusste, dass ich gut trainiert hatte. Mit diesem Selbstbewusstsein bin ich dann ins Rennen gegangen und hatte auf eine Platzierung im vorderen Feld gehofft.
Bei den World University Games war das spannende nicht die Nominierung. Mit einer Teilnahme konnte ich schon eher planen. Trotzdem war durch die Vorbelastung durch die EM sowie den eingeschobenen Vorlauf die Frage, wie fit ich noch am Ende dieser langen Saison bin.
Abgesehen von den Platzierungen hast du auch zwei deutliche, hochwertige neue Bestzeiten aufgestellt (5000 m: 15:40,19 min/ 10.000 m: 33:05,76 min). Dabei kommst du eigentlich von den 1500 m und hast auf den langen Bahndistanzen in diesem Jahr debütiert. Wie ist dir dieser Übergang im Zeitraffer gelungen?
Pia Schlattmann: Schlüssel war denke ich eine gute Trainingsplanung sowie die dazugehörige Konstanz. Ich war in den letzten beiden Jahren nie verletzt oder krank und hatte somit eigentlich kaum Trainingsausfall.
Stichwort Trainingsplanung. Du bist bei der LG Brillux Münster Teil einer leistungsstarken Trainingsgruppe. Nele Heymann belegte in Bergen Platz 4 über die 10.000 m, gemeinsam habt ihr in den letzten zwölf Monaten zwei längere Höhentrainingslager in Südafrika absolviert. Welchen Anteil haben die Trainingsgruppe und dein Trainer Robert Welp an deiner Entwicklung?
Pia Schlattmann: Für mich macht das Training in einer Gruppe einen deutlichen Unterschied. Wir sind eine große Gemeinschaft, sodass Nele und ich meistens zusammen mit ein paar Jungs die Tempoläufe machen können. Dadurch fallen mir die Tempoeinheiten deutlich leichter.
Auch Dauerläufe machen vor allem im Trainingslager in einer Gruppe Spaß, trotzdem laufe ich aber Zuhause auch gerne mal alleine oder mit meinem Vater, um etwas abzuschalten.
„Wir sind eine große Gruppe, sodass Nele und ich meistens zusammen mit ein paar Jungs die Tempoläufe machen können. Dadurch fallen mir die Tempoeinheiten deutlich leichter.“ (Pia Schlattmann)
Robert gestaltet das Training sehr individuell – die Einheiten und Zeiten werden an meinen „Typ Läuferin“ angepasst. Schon von Beginn habe ich gemerkt, wie viel Konzept hinter seiner Trainingsgestaltung steckt. Zudem passt es menschlich auch sehr gut. Ich vertraue Robert in der Planung sehr und weiß, dass er mich optimal auf die Saisonhöhepunkte vorbereitet – das hat bisher immer gut funktioniert. Dieses Wissen stärkt mich dann auch im Wettkampf.
Du bist bei den World University Games auch die Norm für den DLV-Perspektivkader gelaufen, wobei die Perspektive in Richtung der Olympischen Spiele 2028 weist. Sind die Spiele von Los Angeles dementsprechend dein persönliches Fernziel?
Pia Schlattmann: Ich würde lügen, wenn ich sage, dass LA2028 kein Ziel wäre. Es ist ein Traum, aber auch nicht unmöglich. Ich weiß, dass ich dafür in den nächsten Jahren konstant trainieren muss und noch einmal eine Leistungssteigerung brauche. Ich bin motiviert in den nächsten Jahren auf dieses besondere Ereignis hinzuarbeiten.
Siehst du dich auf diesem Weg eher als Mittel- oder als Langstrecklerin?
Pia Schlattmann: An der Langstrecke habe ich Gefallen gefunden. Zurzeit laufe ich gerne 5.000m und 10.000m. Auch die Straßenläufe machen mir unerwartet viel Spaß, deshalb kann ich mir vorstellen auch hier nochmal anzugreifen.
Ausflüge auf die 1500m kann ich mir vorstellen, langfristig geht die Tendenz dann aber doch eher zu den längeren Strecken.
„Ich würde lügen, wenn ich sage, dass LA2028 kein Ziel wäre. Es ist ein Traum, aber auch nicht unmöglich.“ (Pia Schlattmann)
Mit 21 Jahren bist du immer noch eine junge Athletin, die speziell auf den längeren Strecken im Normalfall ihren Zenit längst nicht erreicht hat. Welche Reserven siehst du selbst beim Blick auf die kommenden Jahre?
Pia Schlattmann: Reserven sehe ich vor allem noch in den Umfängen. Für eine Langenstreckenläuferin absolviere ich noch relativ wenig Wochenkilometer. Zum Glück geht Robert diese Steigerung moderat an, damit ich mich langsam dran gewöhnen kann. Regelmäßige Höhentrainingslager sind ebenfalls geplant.
Wie ein Großteil der deutschen Leichtathlet:innen bist du keine Profi-Sportlerin – du verfolgst als Studentin der Humanmedizin an der Universität Münster die duale Karriere. Wie finanzierst du dich?
Pia Schlattmann: Den Rückhalt erlebe ich durch meine Eltern. Nicht nur finanziell, denn auch das „Drumherum“ ist nicht immer leicht zu bewältigen. Es gibt stressige Phasen mit Lernen, dem Training und Wettkämpfen, da hilft die Familie dann schnell mal aus, damit das Zeitmanagement hinhaut.
„Den Rückhalt erlebe ich durch meine Eltern. Nicht nur finanziell, denn auch das „Drumherum“ ist nicht immer leicht zu bewältigen.“ (Pia Schlattmann)
Die LG Brillux Münster unterstützt mich ebenfalls, dadurch kann ich die Trainingslager finanzieren. Durch den Active Laufshop habe ich meine Laufsachen erhalten. Die Einlagen von Möller haben mich in den letzten Jahren orthopädisch gut versorgt, das ist extrem wichtig hinsichtlich der Verletztungsprävention.
Aktuell läuft die Cross-Saison, mit der DM in Darmstadt steht der nationale Höhepunkt bevor. Vor zwölf Monaten ist dein Stern im Crosslauf aufgegangen: Als DM-Zweite in Riesenbeck und dann als Vierte bei der Cross-EM in Antalya hast du alle Erwartungen übertroffen. Was macht dich zu einer derart begnadeten Crossläuferin?
Pia Schlattmann: Mir macht das Crosslaufen einfach Spaß. Das Laufen ohne genaue Zeiten, die man am Ende vergleichen kann sowie die vielfältigen Passagen auf den verschiedenen Strecken reizen mich sehr. Außerdem passt mein kraftvoller Laufschritt ganz gut auf den unebenen Strecken.
Haben die beschriebenen Erfolge deine Wahrnehmung des Crosslaufs oder auch dein Selbstverständnis im Feld verändert?
Pia Schlattmann: Cross hat für mich einen anderen Stellenwert bekommen. Das spiegelt sich auch in der Jahresperiodisierung wider: Neben den Freiluft-Bahn-Rennen konzentriere ich mich auf die Straße und eben den Crosslauf. Eine Hallensaison werde ich nicht machen – man darf nicht auf jeder Hochzeit tanzen.
Was das Selbstverständnis im Feld betrifft: Ich weiß, dass ich gut Cross laufen kann; aber es gibt es andere Konkurrentinnen, die ebenfalls fit an der Startlinie stehen, ebenso wie es im Sommer starke Konkurrentinnen gab. Cross hat zudem seine eigenen Gesetze: Jede Strecke hat ihre ganz eigenen Herausforderungen und abgesehen von den nominellen Konkurrentinnen gibt es fast immer Athletinnen, die überraschen – letztes Jahr ging ich selbst als Underdog ins Rennen.
Bei der DM in Darmstadt wirst du in der U23 auf der 7,5 im-Distanz starten und auch um die EM-Tickets kämpfen. Mit welcher Zielstellung reist du an?
Pia Schlattmann: Nachdem die Vorbereitungen super liefen, bin ich motiviert mich für die EM zu qualifizieren – das ist das Ziel. Ich weiß aber auch, dass es nicht unbedingt einfach wird.
„Ich weiß, dass ich gut Cross laufen kann; aber es gibt es andere Konkurrentinnen, die ebenfalls fit an der Startlinie stehen.“ (Pia Schlattmann)
Kira Weis (KSG Gerlingen), Lisa Merkel (Stadtwerke Tübingen), Adia Budde (ebenfalls Tübingen), Carolin Hinrichs (VfL Löningen) und auch meine Teamkameradin Nele Heymann habe ich auf der Rechnung. Ich erwarte ein enges Rennen und wir werden sehen, wer am Ende die Nase vorne haben wird bei der Vergabe der EM-Tickets.
In Darmstadt läufst du nicht nur als Individualistin, sondern bist auch Teil des U23- Teams. Gemeinsam mit Nele Heymann und Leonie Kruse gehst du aussichtsreich ins Rennen. Spielt der Teamgedanke auch eine Rolle, wenn du am Sonntag in Darmstadt an der Startlinie stehst?
Pia Schlattmann: Definitiv, die Team-Wertung ist immer etwas Besonderes. Ich fand es schon im Vorjahr schön, nicht alleine an der Startlinie steht, sondern zu dritt. Leonie ist zurzeit topfit und auch Nele ist gut in Form – ich denke, wir können vorne mitreden.











